Das angereicherte Mittelalter

Bei den Weihnachtseinkäufen ist es mir aufgefallen: Spielzeug, das das Mittelalter zum Thema hat, wird immer fantasy-lastiger. Es gibt kaum noch Burgen & Ritter, die nicht mit Elementen aus den großen Fantasy-Erzählungen unserer Zeit angereichert wären. Überall müssen es „Drachenritter“ und „Drachenburgen“ sein, Schwerter sind möglichst breit und gezackt, Wesen wie Trolle und Elfen geben sich ein Stelldichein. Was für ein MIttelalterbild kommt da auf uns zu?

Als ich noch mit Playmobil spielte (nicht, dass ich das heute nicht mehr täte), da waren Burgen noch Burgen, da gab es Hackeklötze, Schubkarren und Schmieden, die sich in Ihrer Gestaltung an Vorstellungen historischer Zustände orientierten, die man als realistisch bezeichnen durfte. Mit leichtem Wehmut denke ich an die Fachwerkhäuser und Brunnen, an Ritter und Pferde, die meine Kindheit und meine frühen Vorstellungen vom Mittelalter prägten. Geht man heute durch die Regale eines Spielwarengeschäftes sucht man vergeblich nach vergleichbarem. Okay – wenn man länger sucht, wird man auch fündig. Aber: Ohne Fantasy-Elemente geht es heute nicht mehr.

Playmobils Spielthema „Knights“ hat immer noch einige Produkte, die wirklich sehr schön gestaltet sind. Denen wird heute jedoch einiges gleichberechtigt an die Seite gestellt, was mit dem Mittelalter nur mittelbar zu tun hat.

Playmobil Troll mit Zwergenkämpfern

Playmobil Troll mit Zwergenkämpfern, Quelle: www.playmobil.de

Man kann es ja aus Marketinggründen gut verstehen, dass heutzutage in immer unübersichtlicheren Märkten mit immer mehr Angebot und Konkurrenz beständig Innovation herrschen muss. Aber muss das auf Kosten eines Geschichtsbildes geschehen?

Schleich ist da noch undifferenzierter. Bei dem Hersteller von Plastikspielzeug, der vor allem durch die Schlümpfe bekannt sein dürfte, gibt es selbstverständlich auch Ritter. Vor gar nicht allzu langer Zeit waren diese auch noch wirklich sehenswert. Jetzt dürfen die Plastikrecken nicht mehr zum Tjosten reiten, nein, sie müssen als Greifen- und Drachenritter gegeneinander in epischen Fantasy-Schlachten antreten.

World of History – Zauberkunst vs. Valyrischen Stahl.

World of History – Zauberkunst im Kinderzimmer vs. Valyrischen Stahl. Quelle: www.schleich-s.com

Frech finde ich, dass dieses unter dem Label „World of History“ geschieht. Warum nicht „World of Fantasy“? Oder besser noch: „Welt der Fantasie“? Kindern ist die Bezeichnung der Produktlinie wahrscheinlich egal. Aber wenn man Ritter und Burgen nur noch in Verbindung mit Drachen, Trollen und Orks kennenlernt, dann kann man in der Schule kaum noch dagegen anunterrichten. Wenn Mittelalter als Thema im Unterricht überhaupt noch dran genommen wird.

Drachen, Burgen, finstere Recken: So sah es im Mittelalter aus!

Drachen, Burgen, finstere Recken: So sah es im Mittelalter aus! Quelle: www.schleich-s.com

Alleine Playmobil und sein Mittelalterbild wäre eine Untersuchung wert. Und Schleich. Ebenso Lego. Ich würde gerne wissen, wie viele Kinder in diesem Jahr wieder mit einem Mittelalter-Spielzeug beschenkt werden. Und was daraus für eine Vorstellung über das Mittelalter erwächst. Vielleicht schreibe ich mal was über Spielzeugburgen?

Filme wie „Herr der Ringe“ oder „Der kleine Hobbit“, deren Vorlagen schon lange das Bild des Mittelalters beeinflussen, sorgen dafür, dass unser wahrgenommenes Mittelalter immer mehr angereichtert wird. Wann tauchen die ersten Orks in Schulbüchern auf? Wann behauptet der erste, Ulfberht-Schwerter wären aus Valyrischem Stahl? Es wird nicht mehr lange dauern. Der Winter naht.