Wir brauchen in Zeiten von KI nicht weniger Geisteswissenschaften. Wir brauchen mehr davon. Warum soll man heute noch Geschichte, Philosophie oder Literatur studieren, wenn Künstliche Intelligenz immer mehr Aufgaben übernehmen kann? Ich glaube, die Antwort lautet: gerade deswegen.
Daniel Pink hat bereits vor Jahren sechs Fähigkeiten beschrieben, die in einer technologisierten und automatisierten Welt besonders wichtig werden: Design, Story, Symphony, Empathy, Play und Meaning. Man könnte sie im Deutschen als Gestaltung, Erzählung, Überblick, Einfühlungsvermögen, Spiel und Sinn bezeichnen. Und wenn man sich diese sechs Fähigkeiten genauer anschaut, liest sich die Liste erstaunlich stark wie eine Beschreibung dessen, was ein gutes geisteswissenschaftliches Studium vermitteln kann.
Gestaltung bedeutet, nicht nur danach zu fragen, ob etwas funktioniert, sondern auch danach, ob es nützlich, ansprechend und für Menschen gut gestaltet ist. Erzählung bedeutet, Fakten nicht einfach aneinanderzureihen, sondern ihnen Kontext zu geben und sie in einen Zusammenhang zu bringen, der Menschen erreicht. Überblick meint die Fähigkeit, das große Ganze zu sehen, unterschiedliche Informationen und Ideen miteinander zu verbinden und darin Muster zu erkennen. Einfühlungsvermögen verlangt, andere Menschen, ihre Gefühle und Perspektiven wahrzunehmen und zu verstehen. Spiel wiederum bedeutet, mit Ideen experimentieren zu können, Humor und Leichtigkeit zuzulassen und dadurch Neues hervorzubringen. Und Sinn schließlich bezeichnet die Suche nach etwas, das über Funktionalität und materiellen Erfolg hinausgeht.
Gerade als Historiker erkenne ich darin sehr viel von dem wieder, was wir eigentlich tun. Wir sammeln nicht einfach Informationen über die Vergangenheit. Wir ordnen Quellen ein, wechseln Perspektiven, bringen unterschiedliche Informationen miteinander in Verbindung und versuchen, Menschen zu verstehen, deren Welt uns zunächst völlig fremd erscheinen kann. Aus vielen einzelnen Beobachtungen versuchen wir, ein größeres Bild zu entwickeln und danach zu fragen, was diese Erkenntnisse bedeuten.
Und genau hier verändert Künstliche Intelligenz meines Erachtens nicht nur unsere Arbeitsweise, sondern auch die Bedeutung der Geisteswissenschaften. Denn je einfacher es wird, Informationen zu finden, zu erzeugen, zusammenzufassen und zu strukturieren, desto wichtiger wird die Fähigkeit, etwas mit diesen Informationen anfangen zu können. Die Verfügbarkeit von Wissen allein ist dann immer weniger die entscheidende Kompetenz. Entscheidend wird, Informationen einzuordnen, Zusammenhänge zu erkennen, Perspektiven zu verstehen, gute Erzählungen daraus zu entwickeln und nach ihrer Bedeutung zu fragen.
KI kann uns dabei inzwischen einen erheblichen Teil der Arbeit abnehmen. Aber die entscheidende Frage lautet am Ende nicht nur: Was wissen wir? Sondern: Was bedeutet es?Und genau deshalb werden die Geisteswissenschaften in einer von KI geprägten Welt wichtiger, nicht unwichtiger.
